BOSS WAZA-AIR – Test / Praxis

Üben per Kopfhörer wireless: der neue BOSS WAZA-AIR hat den Modelling Verstärker im Kopfhörer eingebaut und einen kleinen kabellosen Transmitter.

BOSS WAZA-AIR

Gedacht ist der WAZA-AIR für das Üben mit der E-Gitarre, ohne weitere Geräte, egal ob allein zu Hause oder auf Reisen oder vielleicht sogar im Tourbus. Einen Anschluß für Boxen, einen Line-Out oder die Verwendung als USB-Interface am Computer, all das bietet er nicht. Der Gitarrenklang kommt aus dem Kopfhörer, optional zusammen mit einem Backingtrack, mehr nicht. Aber das dafür so gut es geht – so scheint es sich BOSS gedacht zu haben.

Kopfhörer

Der linke Kopfhörer hat einen kleinen An/Aus-Schalter und eine USB Micro-B Buchse ist für das Laden des eingebauten Li-Ionen Akkus vorhanden. Mitgeliefert wird ein USB Kabel aber kein Netzteil, da kann man eins vom Handy verwenden.

Am linken Kopfhörer gibt es ein Rad zum Einstellen der Lautstärke der Gitarre, also quasi ein Mastervolumen des eingebauten Verstärkers. Mit zwei Tasten Up und Down kann man zwischen den sechs Presets wählen, die hier als Channel bezeichnet sind. Das Umschalten passiert beim Loslassen der Taste und geht schnell, ich würde etwas im Bereich 100 ms schätzen. Für das Erstellen der Presets braucht man ein Handy oder Tablet mit der BOSS TONE STUDIO for WAZA-AIR App, die es für Apple iOS und Android gibt. Beim Umschalten des Presets werden immer Kopfhörer und App umgeschaltet. Während der Sound beim Kopfhörer aber sofort stimmt, kommt bei der App noch ca. 6 Sekunden ein Wartecursor, obwohl man dahinter schon sofort die richtigen Einstellungen erkennen kann.

Eine 6,3 mm Klinkenbuchse ist auch vorhanden, sie dient aber nur zum Koppeln mit dem Transmitter (der Sendeeinheit für die Gitarrenbuchse). Geladen werden Kopfhörer und Sender jeweils einzeln per USB, man braucht also zwei Ladegeräte oder muss sie nacheinander laden. Ich hätte ein gleichzeitiges Laden schön gefunden, wenn die Sendeeinheit in der Klinkenbuchse steckt, aber das geht nicht.

Der Tragekomfort ist gut. Die Kopfhörer drücken weder am Ohr noch an der Brille, was schon mal schön ist. Aber die Ohren werden nach einiger Zeit etwas unangenehm warm – so kennt man das von geschlossenen Kopfhörern.

Bluetooth

Rechts ist zusätzlich ist ein kleiner Hoch/Runter/Drauf Taster für die Bluetooth-Funktion vorhanden. Damit können Backingtracks oder Lieder, zu denen man mitspielen möchte, wiedergegeben werden. Mit einem einfachem Druck kann man Pause/Play umschalten, Hoch und Runter wechseln typischerweise den Track des verbundenen Audioplayers.

Mit einem langen Druck startet man das Pairing/Koppel mit anderen Bluetooth Geräten. Aber das klappt leider nicht mit jedem Bluetooth Gerät. An meinem Sony Z5 Smartphone mit Android 7.1.1 geht es. Dazu musste ich erst per Bluetooth WAZA-AIR MIDI koppeln, dann in der BOSS TONE STUDIO for WAZA-AIR App die MIDI-Verbindung zum Kopfhörer herstellen und erst dann erschien WAZA-AIR Audio in der Bluetooth-Auswahl des Handys, das dann auch gekoppelt werden musste. Danach kann man normal Musik wiedergeben, wie mit anderen Bluetooth Kopfhörern, die Verbindung wird automatisch aufgebaut.

Bei meinem sechs Jahre alten Tablet mit Android 4.1.1 bleibt die App im Startbildschirm hängen und somit bekomme ich nie die Bluetooth-Audio-Verbindung aktiviert und damit auch keine Musikwiedergabe. Leider schreibt Roland/Boss nirgendwo, welche Android Version benötigt wird. Ich denke bei iOS wird das Vorgehen ähnlich sein. Eine Kabelverbindung mit Klinkenbuchse zur Musikwiedergabe gibt es auch nicht. Der Klang der Kopfhörer bei der Musikwiedergabe ist gut. Ich habe ihn mit meinem JBL E55BT verglichen: Der Bass ist straffer und lauter, die unteren Mitten auch etwas präsenter, sonst ähnlich. Für Gitarrenmusik gut geeignet, würde ich sagen.

Als Bluetooth Kopfhörer für ein aktuelles Smartphone ist der WAZA-AIR damit gut nutzbar, sonst nicht.

Gitarrenverstärker / App

Die BOSS TONE STUDIO for WAZA-AIR App lässt erkennen, dass in den Kopfhörern viel Technik der BOSS Katana Modelling-Verstärker steckt. Es stehen die gleichen Modelle Flat, Clean, Crunch, Lead und Brown mit Reglern für Gain, Volume, Bass Middle, Treble zur Verfügung. Presence gibt es auch, der Regler ist aber komischerweise in dem Effektbereich untergebracht. Alles was man einstellt, hört man gleich, wie bei einem richtigen Verstärker, hier nur eben im Kopfhörer.

Der Klang des Modelling ist gut, wenn man erst einmal die verschiedenen Bausteinen kennengelernt und seine Favoriten gefunden hat. Schade finde ich, dass es nur 3 generische Cab-Sims zur Auswahl gibt und die auch noch ein globales Setting sind, also nicht im einzelnen Preset verschieden sein können – wo Boxen doch so viel ausmachen.

Die Effektsektion ist umfangreich, es stehen 50 Effekte zur Verfügung: viele Booster/Overdrive, verschiedene Delay und Reverb, dazu Modulations-Klassiker wie Chorus, Phaser, Flanger und auch exotischere Effekte wie Auto-Wah, Slow Gear oder Humanizer finden sich, die meisten modelliert nach bekannten BOSS Pedals. Die Bedienung der Effekte ist leider zu sehr an die Boss Katana Modelle angelehnt und dadurch für meinen Geschmack unnötig kompliziert zu bedienen. Es gibt drei Slots mit doppelt belegten Reglern und drei Farbmodi, die ich dann an einer anderen Stelle mit Effekten belege und an noch einer anderen Stelle deren Regler einstelle. Einfach den Effekt wählen und direkt dessen Regler anzeigen wäre mir lieber. Da ich eher wenig Effekte benutze und auch nicht dauernd an den Presets herum ändern möchte, kann ich aber damit leben.

Die sechs Preset-Speicher sind nicht besonders viel, aber reichen für das, was ich normalerweise brauche: Clean, Rhythm, Lead, Metal, Clean Chorus und dann ist noch einer frei für Experimente. Die Presets lassen sich leicht mit einen Namen speichern und sind dann direkt im Kopfhörer verfügbar. Auch hier erscheint beim Schreiben wieder für ca. 6 Sekunden der Wartecursor.

In der Library kann man sogenannte Livesets aus jeweils sechs Presets verwalten und bei Bedarf in den Kopfhörer laden. Damit lassen sich auch unterschiedliche Einsätze des Kopfhörers abdecken. Ein paar wenige vorgefertigte Sets zum Runterladen gibt es in der Tone Central. Zusätzlich gibt es in der App noch einen Tuner, der ordentlich funktioniert.

Die Bedienung der App ist insgesamt ok, mehr aber auch nicht. Neben der komplizierten Effektsektion stören mich vor allem die ziemlich feinfühligen virtuellen Drehregler. Ich schieße damit sehr oft über den gewünschten Wert hinüber, muss dann wieder zurück und taste mich vorsichtig an den richtigen Wert. Und wenn man den Regler berührt und nicht schnell genug den Wert ändert, kommt sofort die Zahleneingabe per virtueller Tastatur. Andere Apps, z.B. die zu den Marshall Code Verstärkern lassen sich da im Vergleich deutlich besser bedienen.

Gyro Ambience

Nun aber zum besonderen Feature, dem Gyro Ambience. Das ist die große Innovation mit der BOSS wirbt und sie soll ein neues, einmaliges Spielgefühl wie auf einer echten Bühne bieten. Schauen wir uns erst einmal die vier vorhandenen Modi an:

  • Off klingt wie normale Kopfhörer, Gitarre und Backingtrack liegen leblos übereinander.
  • Surround legt die Gitarre an eine bestimmte Stelle relativ zum Spieler. Egal wie man sich dreht, sie kommt immer aus der selben Richtung, z.B. direkt vor mir. Der Backingtrack kommt ein wenig von hinten. Das klingt dann schon etwas räumlicher.
  • Static positioniert die Gitarrenbox an einer festen Stelle im Raum. Hier ist jetzt der Gyro im Einsatz und je nachdem, wie man den Kopf bewegt, kommt das Geräusch aus einer anderen Richtung. Der Backingtrack hat keine feste Position im Raum, sondern kommt immer leicht von hinten.
  • Stage positioniert die Gitarrenbox und den Backingtrack deutlich hinter mir fest im Raum. Beide bewegen sich mit, nach einer halben Drehung kommt also alles von vorne, was dann eher einem Proberaum entspricht. Da jetzt Gitarre und Band wieder an der selben Stelle sind, geht das angenehme räumliche Gefühl der vorherigen zwei Modi leider wieder verloren.

Ich finde, Static und Surround hätten genau andersrum benannt werden sollen, aber langsam gewöhne ich mich daran. Die beiden Gyro-Modi sind schon etwas besonderes und machen Spaß. Ich habe aber drei ernsthafte Kritikpunkte:

  1. Das Gryo-Tracking der Position / Drehung funktioniert nicht immer ordentlich, sondern nur dann, wenn man den Kopf gerade hält. Guckt man runter zur Gitarre oder nach oben in die Luft, dann wird weniger Drehung erkannt als man tatsächlich gemacht hat, im Extremfall nur die Hälfte! Das führt dazu, dass die Gitarrenbox und/oder Band langsam im Kreis durch den Raum wandert. Das ist nicht schön.
  2. Der Richtungseffekt ist mir zu stark. Wenn ich mich in einem realen Raum drehe, dann höre ich auch auf dem weg gedrehten Ohr noch sehr gut, was aus der Box oder von der Band kommt. Hier ist da praktisch nichts mehr. Ich dachte der einstellbare Ambience Level würde das beeinflussen, tut er aber nicht. Da scheint es nur um eine verschwommenen Art Hall zu gehen.
  3. Mir fehlt die Möglichkeit neben der Gitarrenbox auch die Band / den Backingtrack fest im Raum zu positionieren. Beides direkt hinter mir, wie es der Stage Modus anbietet, finde ich unrealistisch. Im Probenraum ist die Box seitlich, die Band vor mir, aus der Bühne hingegen eher auf der anderen Seite, nur leicht hinter mit – und dann gibt es ja auch noch Monitore vor mir.

Alle Punkte zusammen (vor allem 2 und 3) machen für mich den „Stage“ Modus ziemlich kaputt.
Der „Static“ Modus ist da besser und mache wirklich Spaß, wenn man als Workaround für Punkt 1 hin und wieder mit einem Druck auf beide Tasten die Gyro-Position zurücksetzt und damit quasi die Box wieder im Raum vor sich stellt. Wie oft das nötig ist, hängt davon ab, wie man sich und vor allem den Kopf beim Spielen bewegt. Guckt man bei einem Stück viel nach unten auf die Gitarre und bewegt sich trotzdem im Takt, dann wandert die Gitarrenbox recht schnell im Raum, sodass man besser den „Surround“ Modus wählt. Doch auch der macht schon mehr Spaß als ein normaler Kopfhörer.

Ich denke die Punkte 2 und 3 könnte man vermutlich mit einem Firmware und App-Update hinbekommen und hoffe sehr, dass BOSS da noch etwas nachbessert. Bei Punkt 1 bin ich mir nicht sicher, vielleicht fehlt da ein Neigungssensor im Gerät, das wäre sehr schade.

Alternativen

Die Kombination des BOSS WAZA-AIR ist auch ohne die Gyro Ambience schon recht einzigartig auf dem Markt. Als Kopfhörer mit eingebautem Verstärker kenne ich nur die wesentlich billigeren VOX amPHONES, die genau wie die bekannteren VOX amPLUG nur einfach, recht rauschige Transistorverstärker mit drei Modi und wenigen, festen Effekten sind.

Wenn man hingegen mit kleinen Lautsprechern spielen mag, dann sind die neue wireless Modelle Yamaha THR10IIW und THR30IIW eine Möglichkeit. Zusammen mit der passenden optionalen Sendeeinheit bieten sie dank ebenfalls eingebautem Li-Ionen-Akku ein ebenso kabelloses Gitarrenspiel für zuhause inkl. verschiedenen, gut klingender Verstärkermodellen und Bluetooth Backing-Tracks. Außerdem ist mit Ihnen auch eine Aufnahme der Gitarre möglich, das sie per USB ein Interface bereitstellen.

Ich habe den WAZA-AIR mit meiner bisherige Lösung für leises Üben direkt verglichen: mein VOX ADIO AIR GT. Dort geht die Gitarre per Kabel rein, Backing Track per Bluetooth und dann kommt ein kabelgebundener Kopfhörer. Das sind schon mal zwei Kabel mehr und das Wechseln und exteren Laden der 8 Mignonakkus beim VOX ist auch nicht toll. Mit dem neuen Yamaha THR30IIW wäre ich das Gitarrenkabel los, aber das zum Kopfhörer bleibt. Und während ich mit dem WAZA-AIR beim Test sofort im Stehen gegroovt habe, saß ich mit dem VOX gleich auf dem Sofa – man ist einfach nicht so beweglich. Klanglich ist der VOX gut, er kann das Thema vintage Kompression in meinen Ohren besser als der eher etwas moderne WAZA-AIR, der aber ebenfalls gut klingt. Angenehmer ist aber die Räumlichkeit, welche der WAZA-AIR schon im „Surround“ Modus (ohne Gyro) bietet. Das macht ihn nach meinen Ohren zur besten Kopfhörerlösung.

Ich werde meine WAZA-AIR im kommenden Skiurlaub als Reiselösung weiter testen.

Fazit

Tolles Konzept mit noch ein paar Kinderkrankheiten, das aber schon Spaß machen kann. Wer wirklich mit Kopfhörer spielen möchte, sei es Abends im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer, sollte sie ausprobieren. Und auf Reisen hat man eine sehr kompakte Lösung, die vieles kann und die evtl. gleich noch den normalen Bluetooth-Kopfhörer ersetzen kann.

Ein Kommentar

  1. Schönes Review. Ich sehe es auch so, dass die Boxensimulationen zu kurz kommen, was das Potential des Spielgefühls leider drastisch beschneidet. Ich weiß nicht, ob der Waza Air klassische Impuls Responses verwendet, zumindest von denen weiß man ja, dass sie die Dynamik der Simulation sehr direkt beeinflussen.
    Während ich klanglich am Waza Air überhaupt nichts auszusetzen habe, empfinde ich das Spielgefühl als recht steril. Es fühlt sich einfach nicht so direkt an, wie ein echter Amp oder wie ein Kemper/AxeFx. Ich glaube das liegt hauptsächlich an den ziemlich extremen Noise Gate settings, die dem User vorenthalten werden. So hat man zwar immer einen „sauberen“ Sound, auch bei mehr Gain, allerdings sind die einzelnen Noten allzu penibel voneinander getrennt und stark komprimiert, das heißt: „gefühlvolles phrasieren mit herunter gedrehtem Poti funktioniert leider nicht, und Leads fühlen sich nie richtig flüssig an.

    Jetzt kann man natürlich sagen: darum geht es ja auch nicht, das Gerät ist zum üben konzipiert. Dann möchte ich aber bitte auch nicht für 3D Sound Features bezahlen, die sowieso nicht funktionieren.
    Auch wenn der Surroundsound schön voll klingt – unterm Strich ist es einfach schade, dass hier halbgare Features an den Star gehen. Trotzdem gibt es derzeit auf dem Markt keine Alternative. Ich persönlich hoffe daher auf besser ausgereifte Nachfolgemodelle oder auch gerne Konkurrenzprodukte, die eine klarere Linie fahren, auf Schnickschnack verzichten. Ich denke das zB in Richtung Yamaha und Line 6. Die haben mit dem Wireless THR irgendwie besser abgeliefert. Finde ich.

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