Mooer GE200 – Erster kurzer Test

Wer sich heute mit aktuellen Verstärkern für die E-Gitarre beschäftigt, wird auch das Thema Modelling mit auf der Liste haben. Am oberen Ende finden sich Kemper und Axe-FX als Rack-Versionen, im Mittelfeld Line 6 Helix und Headrush als Floorboard. Um im Einsteigerbereich gibt es unheimlich viel. Kleine Übungsverstärker wie die erfolgreichen Yamaha THR, Club-taugliche Combos wie Line6 Spider oder Boss Katana. Und bei den Floorboard? Die sehen alle schon etwas älter aus, doch nun ist ein neues auf dem Markt, das Mooer GE200. Ich habe es gleich gekauft und bin eifrig beim Testen. So viel sei vorab schon verraten: Das kleine Ding verführt zum Spielen.

Mooer GE200 – gut zum Spielen mit Kopfhörer

Gehäuse / Optik

Das GE200 ist kleiner aber schwerer als ich anhand der Produktfotos und Beschreibung gedacht hatte. Es macht einen sehr hochwertigen Eindruck. Das Display ist auch recht groß, nicht pixelig und gut abzulesen – das ist ein großer Unterschied zu älteren Modellern wie dem Boss GT-100. Für Menschen mit großen Füßen könnte es vielleicht schon etwas zu klein sein – mit Schuhgröße 43 passt es jedenfalls noch.

Das Gehäuse und das Expression-Pedal sind aus Metall und alle Schalter wirken hochwertig und robust. Bei den 3,5 mm Buchsen für Aux-In und Kopfhörer bin ich mir nicht ganz so sicher, da sitzt der Stecker etwas schief drin. Was leider fehlt, ist ein Netzschalter. Zum Ausschalten muss man daher den Stecker vom Netzteil herausziehen oder eine schaltbare Steckdose benutzen.

Bedienung

Die Bedienung passiert im Wesentlichen mit einem Einstellrad (Dreh-Drück-Steller) und einer Reihe von Knöpfen für die einzelnen Bausteine der Effektkette (Compressor, Overdrive, Amp, Cab, Noisegate, EQ, Modulation, Delay, Reverb) plus sieben zusätzlichen für den Drumcomputer, die Systemeinstellungen oder SAVE zum Speichern eines Presets. Dazu kommt ein Drehregler für die Master Lautstärke. Mehrere Einstellräder wären bei den Verstärkern und Effekten schneller, aber so ist es zumindest klein und sehr einfach. Lediglich die Drehrichtung des Einstellrads in den Menüs ist komisch: Ich würde intuitiv eine kreisförmige Bewegung erwarten, aber es geht von oben nach unten zeilenweise links nach rechts. Meist drehe ich daher erst einmal in die falsche Richtung.

Problematischer ist da schon die kleine Schaltverzögerungen nicht nur zwischen Presets sondern auch beim Umschalten der Effekte per CTRL. Ich schätze sie auf 0,5 Sekunden. Das ist nicht lange, aber man merkt es und muss einen Tick früher treten, als man es von analoger Technik gewohnt ist.

Die diversen Overdrive / Booster / Distortions sind vereinheitlicht. Alle haben Gain, Tone, Volume. Dadurch gehen viele Eigenarten der Original-Pedal verloren. Auf der anderen Seite kann man aber auch die Settings setzen und dann einfach mal durch die verschiedenen Overdrives durchprobieren. Bei den Amps ist es genau so. Allerdings ist die Lautstärke dort sehr unterschiedlich, die cleanen sind viel leiser als die High Gain Modelle. Das mag realistisch sein, ist dann aber doch etwas unpraktisch und man muss es das Preset-Volume an den leisesten Amp anpassen – das hätte besser gleich Mooer für uns machen können.

Die Windows Software Mooer Studio kann man sich von der Webseite runterladen. Außer Import und Export von Presets kann sie aber nichts mehr als das Gerät. Immerhin kann man so Backups machen, Presets leicht mit anderen tauschen und auch die Namen schneller eingeben als am Gerät. Praktisch wäre ein Hoch-/Runterschieben der Presets zum Umsortieren, damit sie so liegen, wie man es in einem Song / Set braucht.

Klang

Der Sound des GE200 gefällt mir gut. Es gibt 50 Presets mit Cab-Sim angeschaltet, 50 fast gleiche ohne und 50 auch noch ohne Amp-Model an – vorhanden sind die trotzdem – und 50 leere Plätze. Unter den ersten 50 bzw. 100 habe ich gleich 5 gefunden die mir gut gefallen. Sie sind nicht mit Effekten überladen, nur das Delay war mir teilweise zu viel – zwei Knopfdrücke und aus ist es.

Die Amp-Modelle klingen sehr gut, im Vergleich etwas besser als beim Yamaha THR10X würde ich sagen, aber vielleicht liegt es auch daran, dass man sie detaillierter Einstellen kann. Mir gefallen die Amps, die ich auch real mag, ich denke das ist ein gutes Zeichen: Roland Jazz Chorus 120, Marshall Plexi, JCM800, JCM900, Soldano SLO 100, ENGL Powerball und Jet City JCA 100. Hundertprozentig exakt wie das Original sind sie wohl nicht, allein schon wegen der anderen Regler. Aber sie sind nahe genug dran um die unterschiedlichen Verstärker ein wenig auszuprobieren und stimmige Setups zu erstellen.

Bei den Lautsprechern gibt es viele 4×12, die aber erstaunlich unterschiedlich klingen – etwas mehr als in der Realität, würde ich sagen. Die Auswahl des Mikrofons und dessen Position spielen dann auch noch einmal eine große Rollen. Dadurch kann der selbe Amp mit den gleichen Einstellungen dann von brizzelig hell bis dumpf bassig klingen. Auch hier findet man seine persönlichen Favoriten und arbeitet dann damit. Die klassische Marshall 1960 mit SM57 finde ich einen guten Ausgangspunkt.

Effekte benutze ich wenig, aber Analog Chorus, Delay und Room / Hall Reverb klingen so wie sie sollen. Die Auswahl an Overdrives ist groß, der Tube Screamer 808 ist in vielen Presets und tut was er soll. Sehr nett sind auch das Barber Direct Drive und das Fulltone Fulldrive – die kannte ich vorher noch nicht.

Neben den Kophörer spiele ich den Mooer GE200 über den Aux-In des Yamaha THR 10X. Das klingt gut, aber auch ein wenig boxig. Das ist genau der Eindruck, den ich auch bei den Amps des Yamaha habe, also liegt es vermutlich an dessen Lautsprechern und Gehäuse. An meinem ENGL Gigmaster Röhren-Amp mit DV Mark Neoclassic 1×12″ habe ich auch getestet. Dabei macht es kaum einen Unterschied ob ich den GE200 direkt in FX-Return oder vor dem Clean Channel setze. Ohne Cab-Sim gefällt es mir klanglich aber gar nicht, viel zu grell und brizzelig im Vergleich zum Kopfhörer, das bekomme ich mit dem EQ des Verstärkers oder im GE200 nicht in den Griff. Mit Cab-Sim klingt es dann etwas zu dumpf, aber mit etwas weniger Bass und deutlich mehr Höhen wird es angenehm. Nun klingt der Röhren-Amp wesentlich offener und druckvoller als der Yamaha, mehr wie ein echter Amp – sehr schön. Wie es sich mit einem größeren FRFR- oder PA-Lautsprecher anfühlt, konnte ich leider nicht testen, denke aber es wird gut nutzbar sein.

Problemchen

Neben den vielen Dingen, die mir am Mooer GE200 gut gefallen, gibt es aber auch eine Reihe von Dingen, die etwas unpraktisch sind.

  • Am Kopfhörer finde ich die Settings etwas basslastig (liegt vermutlich an meinen Kopfhörern), am Gitarren-Amp (ohne Cab-Sim) hingegen etwas kratzig. Hier fehlt mir ein Master-EQ zum Feintuning aller Presets auf einmal, oder besser noch je einer für jeden der drei Ausgänge, dann könnte man Monitor / PA / Kopfhörer einzeln optimieren.
  • Der Aux-In des GE200 ist nicht einstellbar und viel zu leise – zumindest mit meinem Handy. Beim Yamaha THR passt es hingegen perfekt, an meinem Handy liegt es also nicht. Ein Level-Regler wie beim Guitar-In wäre sinnvoll.
  • Bei den Rythmus-Pattern wird das Volume gespeichert aber nicht die Geschwindigkeit (bpm). Das ist unpraktisch zum Durchprobieren. Ohnehin sind es zwar nicht wenige unterschiedliche Drum-Pattern, aber pro Stilrichtung nur eins, da ist die Auswahl recht beschränkt. Auch werden sie nicht mit den Presets gespeichert.
  • Die Einstellungen Cab an/aus für L-Out / R-Out wirkt sich auch auf den Kopfhörer aus. Das macht für mich keinen Sinn.

Erstes Fazit

Das GE200 ist ein günstiger Einstieg in die große Welt des Amp Modelling. Es macht Spaß damit zu experimentieren und ich brauche sicher noch lange um das ganze Potential der kleinen Kiste zu entdecken und zu nutzen. Praktisch finde ich ihn um Songs nach- oder mit zuspielen und dafür die passenden Sounds zu basteln. Vor allem kann man damit gut mit Kopfhörer spielen ohne den Rest der Familie zu stören. Mooer sollte allerdings noch einige Problemchen bei der Bedienung mit einer neuen Firmware korrigieren.

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