Ergonomisches E-Gitarren-Design

In diesem Artikel geht es darum, wie sich unterschiedliche Designs auf die Haltung und Ergonomie beim Spielen der Gitarre auswirken.

Bei dem Thema Ergonomie der E-Gitarre gibt es noch viele weitere Themen, wie zum Beispiel die Halsform, den Hals-Korpus-Übergang, die Bauweise der Stimmmechaniken oder auch die Position der Schalter und Regler der Gitarrenelektronik. Darauf werde ich in einem anderen Artikel eingehen.

Zunächst einmal geht es um die Haltung der Gitarre und dafür ist die Form des Korpus/Körpers der Gitarre entscheidend. Ich nehme in diesem Artikel vier klassische und recht unterschiedliche E-Gitarren immer wieder als Beispiele: Fender Stratocaster, Gibson Les Paul, Fender Jazzmaster und Gibson Explorer. Dazu habe ich diese skizziert und die wichtigen Punkte für die weitere Betrachtung hervorgehoben:

Ergonomie von vier E-Gitarren Klassikern
  • Rot sind die Gurtpins
  • Gelb ist die Mittellinie/Längsachse der Gitarre
  • Grün ist die Taille der Gitarre
  • Blau ist die Brücke

Im Stehen

Wir müssen bei der Haltung zwischen Stehen und Sitzen unterscheiden. Im Stehen spielen erst einmal die persönliche Vorlieben eine wichtige Rolle: Wie hoch oder tief soll die Gitarre hängen? Hängt sie besser vor dem Körper oder eher seitlich vor der Hüfte? Und in welchem Winkel sollte der Gitarrenhals nach oben zeigen, damit ich gut greifen kann? Diese Fragen muss jeder Gitarrist erst einmal für sich klären. Üblicherweise passiert dies durch ausprobieren unterschiedlicher Gitarren oder ergibt sich einfach aus der Gewöhnung an die eigene Lieblingsgitarre. Für die Umsetzung dieser Vorlieben sind dann vor allem die Korpusform und die Positionen der Gurtpins wichtig.

Gitarrenhaltung seitlich (Yngwie Malmsteen) und vor dem Körper (Slash) – Bilder von Alterna2 und Edvill 

Wenn die Gitarre vor dem Körper hängen soll – wie links im Bild bei Slash – dann müssen Hals, Pickups und Brücke im Vergleich zu den Gurtpins relativ weit in Richtung Hals liegen. Der obere Pin ist also relativ weit hinten (bei den höheren Bünden) und der Korpus ist hinter der Brücke noch recht lang. Gute Beispiele hierfür ist die Les Paul und noch mehr die Explorer mit dem oberen Gurtpin am 16. bzw. 19. Bund.

Soll die Gitarre eher seitlich sein – wie rechts im Bild bei Yngwie Malmsteen – dann hilft ein langes oberes Horn und ein hinten eher kurzer Korpus, in der Art einer Fender Stratocaster (Gurtpin auf Höhe des 13. Bundes).

Hängt die Gitarre hoch, braucht es auf der Rückseite oben auch noch eine Aussparung (oft “Belly Cut” genannt ), damit die Gitarre nicht in den Bauch oder die Rippen drückt. Hängt die Gitarre eher tief, kommt man auch gut ohne Belly Cut aus.

Für die Balance spielt wieder die Position der Gurtpins eine wichtige Rolle, dieses Mal zusammen mit der Gewichtsverteilung der Gitarre. Es kommt zu Kopflastigkeit nicht nur bei schweren Mechaniken und einer großen Kopfplatte, sondern auch wenn der vordere Gurtpin zu weit hinten ist und der Korpus nicht genug Gewicht hat, um als Gegengewicht zu wirken. Bei der Explorer ist der Gurtpin am Halsfuß sehr weit hinten, sodass die Gefahr von Kopflastigkeit besteht. Ihr Korpus lädt aber sehr weit nach hinten aus und kann so ein (meistens) ausreichendes Gegengewicht bilden. Bei der Gibson SG hingegen, klappt dies nicht so gut.

Auch interessant ist die Lage der Gurtpins im Vergleich zu der Mittellinie/Längsachse der Gitarre. Je weiter oben am Korpus die Pins angebracht sind, desto satter/stabiler hängt die Gitarre am Gurt. Mit beiden Pins auf der Achse des Halses dreht sich die Explorer dagegen leicht um ihre Längsachse und wirkt im Vergleich etwas kippelig. Ob man dies mag oder es einen eher stört ist dann wieder einmal eine persönlicher Geschmack.

Im Sitzen

Auch im Sitzen gibt es auch unterschiedliche Positionen für die Gitarre und wieder einmal ist es Geschmackssache, welche man bevorzugt. Wer im Stehen die Gitarre sehr hoch am Körper hat, kann auch im Sitzen mit Gurt spielen und erzielt dann eine sehr ähnlich Position. Grundsätzlich ist eine Ähnlichkeit zum Stehen praktisch, da ein Wechsel zwischen Stehen und Sitzen dann keine Umgewöhnung erfordert.

Klassische Haltung (Rob Chapman) und entspannt Haltung (Lee Anderton) – Andertons Youtube Video

Als klassische Haltung bezeichnet man, wenn die Gitarre auf beiden Beinen abgelegt wird. Sie sitzt dann recht weit links vor dem Körper und der Hals steht sehr steil nach oben. Durch diese Position können mit der Greifhand alle Lagen gut erreicht werden. Die meisten E-Gitarrenformen eignen sich jedoch eher schlecht für diese Haltung: die Beine müssen dafür recht breitbeinig gehalten und oft auch der Oberkörper nach links in Richtung Gitarrenhals verdreht werden. Im Bild links sieht man Rob Chapman mit einer Les Paul in der klassischen Haltung. Die Gitarre ist vor dem Körper und der Hals nach oben gerichtet – ähnlich wie bei Slash im stehen. Die Schultern (rot) sind aber deutlich gegenüber dem Becken (grün) verdreht – ich habe versucht die Ausrichtung mit den zusätzlichen senkrechten Linien darzustellen.

Ein ergonomisches Design für diese Haltung ist möglich, wenn man den Korpus am hinteren, unteren Ende stark beschneidet, sodass Platz für das rechte Bein entsteht. Gute Beispiele hierfür sind die Gitarren Designs von Strandberg.

Am häufigsten aber haben wir die E-Gitarre in der entspannte Haltung auf dem rechten Bein – wie bei Lee Anderton rechts im Bild. Sie sitzt dabei relativ weit rechts eher seitlich am Körper. Auf diese Position will ich daher hier genauer eingehen. Entscheidend ist in diesem Fall die Taille der Gitarre, also die Einbuchtungen oben und unten am Korpus.

Hier bestimmt die untere Taille, an welcher Stelle die Gitarre auf dem rechten Bein aufliegt und damit indirekt auch die Position der Brücke und somit die Position der Schlaghand. Bei der Fender Stratocaster und der Gibson Les Paul liegen beide Taillen grob mittig zwischen Halsende und Brücke bzw. zwischen Neck- und Bridge-Pickup. Dies passt recht gut, wenn man die Gitarre auch im Stehen eher seitlich bevorzugt (siehe oben). Soll die Gitarre mehr vor dem Körper, muss die untere Taille weiter nach hinten, unter den Bridge-Pickup, wie es bei Explorer und Jazzmaster der Fall ist.

Auch die Tiefe der Taille spielt eine Rolle: Ist die Taille sehr tief, geht also weit bis zur Korpusmitte, dann liegt die Gitarre tiefer auf dem Bein und der Winkel des Schlagarmes wird größer und damit für die meisten Spieler angenehmer.

Die Taille bestimmt die Haltung im Sitzen (hier eine Gitarre im leichten Offset-Design der Fender Mustang)

Die obere Taille lehnt am Körper des Spielers an, von Oben betrachtet meist nur ein kleines Stück rechts vom rechten Bein. Entscheidend ist daher die Position der oberen zur unteren Taille, denn damit bestimmt sich, in welchem Winkel die Gitarre am Körper anliegt und das bestimmt den Winkel des Gitarrenhalses zum Körper. Ist die Taille symmetrisch, sind also die obere und untere Einbuchtung auf selber Höhe am Korpus, (Stratocaster und Les Paul) dann dreht dies die Gitarre in eine fast waagerechte Position. Man sieht sehr schön, wie die meisten Spieler deswegen im Sitzen die linke Schulter nach unten beugen um trotzdem vernünftig greifen zu können – so auch Lee Anderton oben recht im Bild, die rote Schulterlinie fällt deutlich ab.

Besser ist ein sogenanntes Offset-Design, bei dem die obere Taille weiter vorne sitze und die Gitarre automatisch den Hals nach oben dreht, wenn man sie auf das Bein legt. Leo Fender hat dies bei der Jazzmaster ganz bewusst so entworfen, auch die Fender Mustang ist so geformt. Die Explorer hat zwar eine gerade Taille, die obere ist aber so schwach ausgeprägt dass sie die Gitarre kaum positioniert und sie sich die Form daher in Bezug auf den Halswinkel neutral verhält.

Als letztes spielt dann auch im Sitzen die Balance eine Rolle. Nachdem die Form der Gitarre eine bevorzugte Haltung diktiert, bestimmt die Gewichtsverteilung, wie stabil diese ist. Die Statocaster sitzt recht sicher auf dem rechten Bein, eine Les Paul hingegen ist deutlisch hecklastig und muss mit dem Arm etwas festgehalten werden, damit sie nicht vom Bein rutscht. Die Balance im Sitzen kann dabei ganz anders sein, als im Stehen, da hier die Position der unteren Taille den Drehpunkt bildet – im Stehen bestimmt aber die Gurtschlaufe zwischen den beiden Gurtpins den Drehpunkt.

Fazit

Eine ergonomische Haltung der Gitarren ist mit einem entsprechenden Design möglich. Entscheidend sind dabei die Balance der Gitarre und die Korpusform mit der Lage der Gurtpins und der Brücke (im Stehen) und die Korpus-Taillen (im Sitzen). Unterschiedliche Designs haben im Laufe der Zeit verschiedene Haltungen besser und andere schlechter unterstützt. Ein perfektes Design für alle Gitarristen kann es aufgrund der unterschiedlichen Vorlieben aber nicht geben – es lebe die Vielfalt.

Ich konnte mit diesem Artikel hoffentlich ein wenig beleuchten, worauf es ankommt und damit allen, die noch auf der Suche nach der für sie ideal passenden Gitarre sind, etwas helfen.

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